Die Sonne über Neverwinter warf trügerisch warme Strahlen auf die grauen Mauern der Kaserne.
Tervon und Cracker, noch vom Kampf gegen den Yuan-Ti gezeichnet, hatten nur wenig Zeit sich auszuruhen. Die „Toten Männer“ schliefen nicht.
An diesem Tag trafen sie zwei neue Gefährten:
Jacko, ein gedrungener Zwerg mit einem Bart wie eine Wand aus geflochtenem Eisen, Kriegerherz und Zorn im Blick – und Durtus, ebenfalls ein Zwerg, doch von anderer Natur. Seine Augen spiegelten das tiefe Wissen des Waldes wider, seine Stimme war selten, aber bedacht. Ein Druide, der die Sprache der Tiere besser verstand als die der Menschen.
Der Auftrag war klar:
Gerüchte über eine Goblinplage machten die Runde – Felder lagen brach, Bauern trauten sich nicht mehr vor die Tore ihrer Gehöfte. Der Herzog selbst hatte Interesse bekundet. Die Gruppe sollte die Bedrohung prüfen… und beseitigen.
Doch bevor es losging, musste Jacko noch etwas erledigen. „Nur ein schneller Abstecher“, murmelte er – und steuerte geradewegs auf die Taverne Zum Faulen Eber zu.
Die Tür quietschte, als sie eintrat. Der Duft nach Braten, Bier… und alten Schulden schlug ihnen entgegen. Sally, die Wirtin, blickte nur kurz auf. Ihre Augen verengten sich wie ein Dolchschlitz, als sie Jacko erkannte. Er nickte ihr tapfer zu – und verließ die Taverne eine Minute später mit einem tiefen Seufzer und einem beschleunigten Schritt.
Der Weg führte sie aus der Stadt, über schlammige Pfade und vorbei an krummen Zäunen. Bauern, von Sorgen gebeugt, wiesen ihnen den Weg: Zwei verfallene Gebäude im nahen Wald, fern der Straße, dort habe man Bewegung gesehen. Schatten. Flüstern.
Kurz vor dem Waldrand begegneten sie einer gedrungenen Gestallt. Bodrun Duskrun, der seltsame Halbling mit morbiden Vorlieben, trat aus dem Unterholz wie ein Geist. Sein Blick war keck, sein Grinsen voller Bedeutung.
Jacko versuchte zu beeindrucken. Großes Gerede, fester Händedruck. Zu fest.
Denn als Bodrun den Druck erwiderte, zuckte sein Handgelenk – und eine versteckte Klinge schnitt in Jackos Haut, kaum spürbar. Ein Test? Ein Ritual? – Jacko zog sich nicht zurück.
Bodrun nickte anerkennend. „Bring mir Ohren. Ich zahl gut.“
Und so zogen sie weiter. Im Schatten des Waldes schlichen sie sich an die Ruinen heran – zwei Gebäude, kaum mehr als Knochen alter Zeiten. Goblins patrouillierten zwischen zerbrochenem Holz und Moos. Die Gruppe teilte sich auf, schuf Ablenkung, lockte, stürmte.
Es war kein sauberer Kampf. Aber effektiv.
Jackos Hieb spaltete einen Goblin samt Schild, während Cracker von hinten flankierte. Tervon, sein Hammer schwer wie Schuld, schmetterte einen Schamanen zu Boden. Durtus ließ Dornen aus der Erde wachsen und flüsterte alte Worte, die den Feind erschreckten. Am Ende blieben nur Stille, Blut… und der Rauch der Vergangenheit.
In den Ruinen fanden sie mehr als nur Waffen. Eine Statue, kaum handgroß, aus schwarzem Stein gemeißelt – eine Schlange, deren Augen in die Ewigkeit blickten. In ihrem Körper eingefasst: ein leuchtender Edelstein, pulsierend wie ein Herz. Der Stone of Heart.
Und dazu: eine Schriftrolle. Die Zeichen darauf tanzten vor ihren Augen, fremd, verzerrt, als würden sie sie auslachen. Niemand konnte sie entziffern.
Aber eins war klar: Die Goblins waren nicht zufällig hier. Etwas Dunkleres hatte sie geführt. Etwas Altes.
Mit dem Stein, der Schriftrolle und einem Sack voller Goblinohren traten die vier den Rückweg an – das Gewicht ihrer Funde schwerer als ihre Schritte.
The Unknown – Session 1


